
Banner hung mit CC-Lizenz von kleine gelbe Ente
Pünktlich um 11Uhr, wie eine Karnevalsgesellschaft, betreten die Granden der FDP den Opernsaal in Stuttgart. Unbemerkt durch Ordner haben wir von der Grünen Jugend Stuttgart ein Protestbanner mit in den Veranstaltungssaal geschmuggelt und warten nun darauf es an geeigneter Stelle zu entrollen. Hinter mir sitzt eine Riege Jung-liberaler. An zweiter, oder dritter Stelle betritt Dr. Silvana Koch-Mehrin den Raum. “Der Rock ist aber ganz schön Kurz” zischt ein junger Liberaler seinen KumpanInnen zu. Tuscheln bricht aus, als Frau Mehrin immer wieder an ihrem Rock herumzuppelt.
Nach und nach begrüßt die erste Rednerin Birgitt Homburger die Honoratioren. Verhalten brandender Applaus begrüßt den ehemaligen Aussenminister Genscher. Der hessische Spitzenkandidat Jörg-Uwe Hahn gibt sich mit einer steifen Thumbs-Up-Geste triumphal. Auf dem Podium sitzen 4 Damen und 10 Herren, gegendert wird nicht.
“Wir brauchen einen neuen Start für Deutschland.” Mit dieser Aussage setzt Frau Homburger das Thema und die Stimmung für die zwei Stunden währende Veranstaltung. Im Verlaufe des Empfangs sprechen vier Menschen, Homburger, Dirk Niebel, Silvana Koch-Mehrin und Guido Westerwelle. Inhaltlich begnügen sie sich mit Allgemeinplätzen zu mehr Engagement, Bildung und Leistung die sich wieder lohnen muss.
Da ist die Rede von “Neosozialismus” und “Chancengleichheit am Start”, von Bildung die “Vielfalt und Wettbewerb” braucht, von Mittelstand und Familie. Gesundheitsreform, Arbeitsagentur und Regierung werden ohne Lösungsansätze gebasht. Etwas gestelzt bringen Homburger und Niebel humoristische Kommentare, die sie direkt aus den Reden Özdemirs und Bütikofers abgeschrieben haben. Zuletzt wird noch an die Rührseligen appelliert indem Dirk Niebel ” Wir sind das Volk” ausruft.
Auf dem Podium studiert man gelangweilt seine Nägel. Dr. Koch-Mehrin zupft an ihrem Rock. Diese trägt ihre Rede mit schlechter Intonation und falschen Satzpausen vor, hinter mir tuschelt es wieder. Wenig überzeugend behauptet sie dann “als FDP sind wir konsequent, als FDP sind wir zuverlässig.” Klar, denk ich mir, auf euch kann man immer zählen, dass ihr euer Fähnlein nach dem Wind richtet, oder Neuwahlen fordert.
Nach knappen 50 Minuten sind die ersten drei Reden vorbei und Guido Westerwelle tritt ans Pult. Im Gegensatz zu den anderen Drei weiß er wie er wirkt und kann mit überzeugendem Pathos seine inhaltsleere Rede wiedergeben. Wohlgemerkt ist er auch der einzige der von Bürgerinnen und Bürgern spricht.
Für uns ist nun der Zeitpunkt gekommen etwas Abwechslung in die sonst so träge Veranstaltung zu bringen. Dennis, Bastian und Jonas entrollen unser von Hand gestaltetes Banner. Auf 3×1,5m2 kann man nun “Neoliberalismus=Finanzkrise” lesen. Zum ersten Mal ist es richtig Still hinter mir. Ich zücke meinen Photoapparat und schieße fröhlich drauf los. Westerwelle erholt sich schnell und fängt an zu Scherzen. Er redet von seiner “grünen Groupie Gruppe” er kenne es ja und sei “aus dem Bundestag schlimmeres gewohnt”. Für uns ist die Aktion und das darauf folgende Presseecho ein voller Erfolg.
Als die Veranstaltung mit Fahnen schwenkenden Jung-liberalen beendet wird, verlassen wir fluchtartig den Raum. Auch wenn wir Stacheln zeigen ist uns irgendwann die Heimattümelei zu viel. Nach dem Besuch beim vegetarischen Imbiss ist auch für uns die Welt wieder in Ordnung.