“Gabriel schwärzt Grüne an” – eine Replik
Stuttgart, den 11.8.2010
In einem aktuellen Interview mit der taz versucht sich SPD-Chef Sigmar Gabriel auf Kosten der erstarkenden Grünen zu profilieren. Er spricht wohlwollend davon, dass er eine Partnerschaft auf Augenhöhe begrüße. Was er darunter versteht wird im Interview deutlich.
Ein eigenständiger grüner Kurs ohne ein Festklammern an der SPD wird von ihm dabei nicht toleriert. Die Grünen müssten sich entscheiden, ob sie rechts- oder linksliberale Politik betreiben wollen. Wie wäre es denn mit dem Anspruch, GRÜNE Politik gestalten und Inhalte umsetzen zu wollen? Der von Gabriel erhobene Vorwurf der Einstellung „regieren – egal mit wem“ wirft einige Fragen auf. Wieso darf die SPD eine große Koalition bilden und sich auf die vermeintlichen Errungenschaften dieser Zeit berufen, während den Grünen mit dem Fegefeuer der Beliebigkeit gedroht wird, sobald sie andeuten, auch mit anderen Parteien die Realisierbarkeit grüner Inhalte zu sondieren? Es sollte klar sein, dass eine sozialökologische Wende das erklärte Ziel grüner Poltik ist und bei der SPD mehr Schnittmengen existieren als bei anderen Parteien. Den Grünen jedoch den Vorwurf zu machen, sich zu verkaufen, wenn sie anhand klarer, nicht verhandelbarer Grundpositionen versuchen ihre Vorstellung von Politik umzusetzen, ist mit zweierlei Maß gemessen und nicht die besagte „Partnerschaft auf Augenhöhe“.
Gleichzeitig wirft Gabriel seiner möglichen Partnerpartei vor, sich nur mit „Wohlfühlthemen grüner Wählerschichten wie Umwelt- und Klimaschutz“ zu beschäftigen und die „harten Aufgaben solider Finanzen, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Arbeit“ der SPD zu überlassen. Erstens: Wer Umweltschutz und Nachhaltigkeit als Luxusdebatte ansieht und nicht als Querschnittsthema aller Ressorts begreift, hat von grüner Poltik nicht viel verstanden. Die Sicherung unserer Existenzgrundlage und die nachhaltige Ausrichtung aller Lebensbereiche, von den Finanzmärkten, über das Gesundheitssystem, bis hin zu den Staatsfinanzen sind keine Luxusdebatten, sondern der einzige Weg zu einer sozialen, ökologischen und gerechten Gesellschaft, auch und vor allem in Bezug auf die Generationengerechtigkeit. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie mutige, grüne Ideen zu den „harten Aufgaben“ wie solider Finanzen aussehen, sei hier nur der von Sven-Christan Kindler zur Diskussion gestellte grüne Sanierungsplan genannt.
Den „Green New Deal“ (das letzte Bundestagswahlprogramm, aus dem die SPD fleißig für ihren „Deutschlandplan“ abgeschrieben hat) scheint Herr Gabriel auch nicht sehr gründlich gelesen zu haben. Er kritisiert das Konzept als unzureichend, „denn der Erfolg in der deutschen Industriegesellschaft wird nicht ausschließlich auf grünen Technologien beruhen“. Es müsse gezeigt werden, „dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Sicherheit und ökologische Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind“. Gratulation zu dieser Erkenntnis, Herr Gabriel. Deswegen umfasst der Grüne Neue Gesellschaftsvertrag ja auch einen Mindestlohn, eine Finanzmarktreform, Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich, wie der Gesundheitsversorgung, der Bildung oder der Kreativwirtschaft. Alles Posten, die dann auch im Deutschlandplan Erwähnung finden, nur das nochmal eine ordentliche Schippe bei den zu erwartenden Arbeitsplätzen draufgelegt wurde.
Herr Gabriel, Sie sind herzlich eingeladen an einer sozialökologischen Wende mitzuarbeiten, aber bitte glänzen Sie doch eher durch kreative Ideen, als durch billiges Grünenbashing, dann klappt’s auch mit dem Koalitionspartner.
Dominic Kropp
Erstellt am Mittwoch 11. August 2010
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